Digitalotopia – Kapitel 3.4 – Digitalisierung und die vierte industrielle Revolution

Photo by mali maeder on Pexels.com

Ab dem Jahr 2015 wird von der vierten industriellen Revolution bzw. in Deutschland auch von der Industrie 4.0 gesprochen, mit der Roboter und Maschinen zunehmend intelligenter und vernetzter werden. Die Grundlage der Industrie 4.0 sind also intelligente und digital vernetzte Systeme. Mit deren Hilfe soll eine weitestgehend selbstorganisierte Produktion möglich werden: Menschen, Maschinen, Anlagen, Logistik und Produkte kommunizieren und kooperieren in der Industrie 4.0 direkt miteinander.


Anmerkung der Redaktion:

Dieser Text gehört zum Buchmanuskript “Digitalotopia – Sind wir bereit für die (R)Evolution der Wirklichkeit?”

<<< zurück zur Kapitlübersicht

<<<  vorheriges Kapitel //  nächstes Kapitel  >>>


Maschinen kommunizieren mit Maschinen und Maschinen auch mit Menschen. Durch die Vernetzung soll es auch möglich werden, nicht mehr nur einen einzelnen Produktionsschritt, sondern eine ganze Wertschöpfungskette zu optimieren. Das Netz soll dabei alle Phasen des Lebenszyklus des Produktes einschließen – beginnend von der Idee eines Produkts über die Entwicklung, Fertigung, Nutzung und Wartung bis hin zum Recycling. Industrie 4.0 ist zugleich auch ein Begriff der für eine Forschungsunion[1] der deutschen Bundesregierung und ein gleichnamiges Projekt in der Hightech-Strategie[2] der Bundesregierung steht; zudem bezeichnet er ebenfalls eine Forschungsplattform[3]. Das Jahr 2015 gilt auch als Beginn der sogenannten Digitalen Transformation, welches einen kontinuierlicher Veränderungsprozess durch digitale Technologien meint, der die gesamte Gesellschaft und nicht nur Unternehmen betrifft. Es verändert sich dabei primär wie die einzelnen Teile in der Gesellschaft bzw. in Unternehmen zueinander in Beziehung stehen. Auch die Art und Möglichkeiten der Kommunikation verändern sich radikal und intelligente Maschinen beginnen dabei nicht nur das menschliche Denken zu vereinfachen, sondern es sogar zunehmend zu ersetzen. Hören wir was die Politiker im Wahlkampfjahr 2017 ausrufen, dann scheint die Digitalisierung hauptsächlich aus etwas Netzpolitik, Datenschutzmaßnahmen und dem Ausbau des schnellen Internets zu bestehen. Breitband für alle und ein bisschen Informatikkenntnisse in der Schule lehren, und schon ist alles gut und Deutschland ist wieder wettbewerbsfähig gegenüber den Technologiekonzernen aus dem Silicon Valley. Doch das ist zu kurz gedacht und von der Politik wird dabei ein wesentlicher Punkt übersehen. Denn Politik sieht in der Digitalen Transformation hauptsächlich einen industriellen Veränderungsprozess. Tatsächlich wird sie maßgeblich eine gesellschaftliche Veränderung und mehr als eine Veränderung, sondern eher eine Transformation oder gar Revolution sein, die auch auf gesamtgesellschaftlicher und dabei nicht nur nationaler, sondern insbesondere globaler Ebene stattfinden wird.

Die Digitalisierung hat mit dem Beginn des Internets bereits seit den 1980er Jahren unsere Gesellschaft sowie die Art und Weise wie wir kommunizieren maßgeblich verändert. Begonnen hat es mit dem statischen Internet, bei dem Websites lediglich Inhalte in Form von Text und Bildern ausspielen konnten. Als nächstes kam das interaktive Internet mit interaktiven Formulare, Kommunikationskanälen, Applikation und Computer-Spielen auf Websites. Danach entstand seit 2007 mit der Einführung des Smartphones (iPhone) das mobile Internet. Dabei können wir von fast überall surfen, kommunizieren, Fotos posten und spielen. Das Telefonieren wofür Handys mal gedacht waren rückt dabei fast in den Hintergrund.

Kern der Digitalisierung sind neben den Computern die Vernetzung, Daten & Algorithmen. Algorithmen sind eindeutige Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems oder einer Klasse von Problemen. Algorithmen bestehen aus endlich vielen, wohldefinierten Einzelschritten ähnlich wie ein Kochrezept. Das Medium Internet ist bei der Digitalisierung die tragende Säule der zunehmenden Vernetzung durch die sich die Art wie Menschen mit Menschen, Menschen mit Organisationen oder mit Maschinen kommunizieren stark verändert. Facebook und WhatsApp sind dabei nur die prominentesten Beispiele. Ursprünglich galt das Internet als eine Medium für „Freiheit“ und „Demokratie“. Diesem Zweck wird es aktuell jedoch nicht mehr gänzlich gerecht, da es zunehmend von Gruppen instrumentalisiert wird, die es nutzen um die Freiheit und Demokratie in der Gesellschaft zu unterwandern[4]. Sei es durch manipulative Algorithmen oder durch Fake News. Es wurde kürzlich geschrieben, dass Facebook zum Desinformationskanal rechter Kulturkämpfer (Propaganda) und Twitter zum Megafon geworden sei über das Trump seine Lügen verbreitet. So negativ sollte man das nicht sehen, denn diese Medien sind richtig genutzt eine Bereicherung und tragen zu einem öffentlichen Diskurs und Wissensaustausch zu vielerlei Themen bei. Es bleibt jedenfalls abzuwarten, ob es unseren demokratischen Staaten wieder gelingen wird diese zum Teil entfesselte Technologie namens Internet wieder demokratischen Regeln zu unterstellen.

Häufig wird, insbesondere in Unternehmen, von „Digital“ gesprochen. Sogar Abteilungen oder Unternehmensteile bekommen den Beititel „Digital“. Digital meint dann vielfach die neuen digitalen Medien, digitale Kommunikationsformen, digitale Endgeräte (z. B. Smartphone, Tablet) und digitale Kanäle, wie beispielsweise online, mobile, Social Media (z.B. Facebook), Communities (z.B. gutefrage.de), News Plattformen (z.B. Spiegel Online, T-Online), Messenger (z.B. WhatsApp, Snappchat) oder Apps. Das ist jedoch ein unvollständiges Verständnis von Digital. Denn die Digitalen Kanäle basieren massiv auf Technologie und sind eine Folge und ein Teil der digitalen Technologien und der Digitalisierung als Ganzes. Tatsächlich kann alles als „Digital“ bezeichnet werden, was mit elektronischer Datenverarbeitung, Computer-Algorithmen und Vernetzung zu tun hat. Also sind das zunehmend mehr Dinge und Themen. Und gerade in Unternehmen sollte, um einen wirklichen Erfolg der Digitalisierung zu gewährleisten, bei Digital auch immer zumindest Technologien, Prozesse, Systeme und Arbeitsweisen mit bedacht werden. Durch die Digitalisierung bzw. die aktuelle Digitale Transformation, wird letztendlich alles digital. Die Basis der Digitalisierung als Ganzes ist der gleichzeitige technologische Fortschritt in Bereichen wie Informationstechnologie (IT), Elektrotechnik, Mechatronik, Chemietechnik, Nachrichtentechnik, Biotechnologie, Messtechnik oder Materialtechnik. Dabei kommt es zu neuen Technologietrends und kombinatorischen Innovationen, wie Internet of Things (IoT) und Internet of Services (IoS), Cloud (SaaS), Mobile, Social Media, 3D-Druck, Virtual Reality, Augmented Reality, künstliche Intelligenz, autonome Mobilität, Kryptowährungen, Blockhain, Roboter und vieles mehr. Im Übrigen der Siegeszug der interaktiven bzw. digitalen Welt wird erst dann abgeschlossen sein, wenn niemand mehr über “Digitalisierung” als solches spricht. So wie heute auch niemand mehr, außer in speziellen Bereichen, von der Elektrifizierung spricht, bei der in den 70er Jahren auch die letzten Haushalte angefangen haben elektrische Küchengeräte einzusetzen. Bis dahin dauert es jedoch noch eine Weile und bis dahin sind Unternehmen und Organisationen aus allen Bereichen von der sog. Digitalisierung betroffen – sei es Industrie, Handel, Vertrieb, Marketing, Verwaltung, Energieversorgung, Medien, Medizin, Logistik, Transport oder Finanzunternehmen. Sinkende Grenzkosten neuer Digital Technologien führen dabei zu einer raschen Verbreitung eben dieser. Der aktuelle Fortschritt in vielen Bereichen erfolgt massiv durch besagte kombinatorische Innovationen. All dies ist am Beispiel des Smartphones anschaulich zu verstehen. Dabei sind u.a. folgende Entwicklungen synergetisch zusammengeführt, also zu einer Innovation kombiniert worden: Hochauflösende touchfähige Displays, Hochleistungsmikroprozessoren, Mikrosensoren, hochleistungsfähige Akkumulatoren, neue Materialen, ausgefeilte fortgeschrittene Software und ein schnelles mobiles Internet. Das Ergebnis war das Smartphone. Wenn eines davon wegfallen würde gäbe es Smartphones nicht so wie wir sie kennen. Denn so würden wir sie beispielsweise nicht in unseren Hosentaschen mitschleppen, wenn der Akku immer noch 1kg wiegen oder es 10.000 EUR kosten würde. In der „Technologie Review“ Ausgabe 05/2018 werden die folgenden 10 Technologien genannt, die unsere Welt in naher Zukunft verändern werden:

  • KIs trainieren sich gegenseitig
  • Elektronik aus dem 3D Drucker
  • Synthetische Organismen
  • Praxisnahe Quantencomputer
  • Intelligente Kopfhörer
  • Landwirtschaft ohne Dünger
  • Künstliche Blätter zur Energieerzeugung
  • Bluttest für Krebs
  • Denkende Kameras
  • Datenschutz Dank Blockchain

Auch werden Roboter entwickelt, die bei der Spargelernte helfen. All dies sind nur Beispiele für Entwicklungen in bisher nicht dagewesener Geschwindigkeit.

Mehr und mehr nehmen Algorithmen und Daten, die beispielsweise von Sensoren geliefert werden, nicht nur Einfluss auf Produktions- oder Geschäftsprozesse, sondern auch gerade auf unser Leben. Dies geschieht einerseits willentlich, in dem Activiy-Tracker freiwillig an Handgelenken getragen werden. Diese teilen mit wie gut wir geschlafen haben oder ob wir uns hinreichend viel bewegt haben. Andererseits geschieht es unwillentlich, indem wir auf einer Website surfen und uns dann Informationen oder Werbung in Abhängigkeit davon anzeigt werden, was wir zuvor gemacht und angeschaut haben, und ob wir mit einem Desktopbrowser oder einem Smartphone surfen.

Gerne geben wir also auch unsere Daten freiwillig her, um dafür einen scheinbar kostenlosen Dienst nutzen zu können. Dadurch dass wir Google über das auf dem Smartphone eingeschaltete GPS stets mitteilen wo wir uns gerade befinden, können wir via Google-Maps nachschauen, ob es sich lohnt den Stau auf der Autobahn über Nebenstraßen zu umfahren, oder ob es sich lohnt zum Ikea zu gehen, weil das Internet die Auskunft gibt wie viele Einkäufer aktuell dort unterwegs sind.

Für all dies zahlen wir heute schon einen Preis. Denn in dem wir unsere Daten hergeben, werden wir transparent, überwachbar und am Ende vielleicht auch manipulierbar.

Es ist zwar überwiegend die Rede von einer vierten industriellen Revolution, mit Betonung auf „industriell“. Doch tatsächlich handelt es sich auch um eine gesellschaftliche Revolution. Wir befinden uns im Übergang vom Industriezeitalter in ein Digitalzeitalter. Dem Industriezeitalter haben die Ingenieure sozusagen ihren prägenden Stempel aufgedrückt. Es wurden fantastische Maschinen gebaut. Insbesondere die Deutschen Ingenieure waren Meister dieser Kunst und haben so beispielsweise weltweit die besten Motoren oder Autos gebaut. Computertechnik diente dazu diese Maschinen zu präzisieren und zu optimieren. Dem Digitalen Zeitalter werden mehr die Informatiker ihren Stempel aufdrücken. Ingenieurskunst wird degradiert zum Träger Digitaler Inhalte und Services. Maschinen ohne digitalen Geist werden zunehmend nutzlos sein. So kaufe ich persönlich mir beispielsweise keinen Lautsprecher mehr, der nicht zumindest mit meinem Handy via Bluetooth oder mit dem häuslichen WLAN gekoppelt werden kann um darüber die Musik via Streaming abzuspielen. Die alte Stereoanlage bleibt meistens aus. Insofern erleben wir in zweifacher Weise eigentlich eine Deindustrialisierung. Denn zum einen werden, wie bereits gesagt, aus Sicht der Menschen statt Industrieprodukte nun digitale Inhalte und digitale Dienste relevanter und gar dominierend. Und zum anderen werden in der verbleibenden Industrie nur noch weniger oder irgendwann gar keine Menschen mehr beschäftigt, da ihre Jobs automatisiert und von den intelligenten Maschinen erledigt würden. Willkommen in einer schönen neuen digitalen Welt.

[1] http://www.forschungsunion.de/pdf/forschungsunion_perspektivenpapier_2013.pdf

[2] https://www.hightech-strategie.de/

[3] https://www.bmbf.de/de/zukunftsprojekt-industrie-4-0-848.html

[4] scobel (7.05.2015) – Digitale Demokratie – http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=51334 (abgerufen: 06.01.2018)

Kommentar verfassen

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d bloggers like this: