Was der initiale Copyright Streit im 6. Jahrhundert mit dem heutigen Streit um die Reform des Urheberrechts, Artikel 13 und Uploadfilter zu tun hat!

Der Copyright bzw. Urheberrechtsstreit wütet tatsächlich seit dem 6. Jahrhundert. Damals endete er im sog. “Bücherkrieg” und heute im Streit um #Artikel13 und der Einführung von #Uploadfilter im Rahmen eines Vorschlags zur Reform des Urheberrechts im digitalen Binnenmarkt. Das Fatale ist, dass bis heute daraus nichts gelernt wurde und immer noch nicht verstanden ist, was an Büchern und (digitalen) Informationen so grundlegend anders ist als an physischen Gegenständen sowie physischen Werken und warum es an der Zeit ist neue Regeln für das Informationszeitalter aufzustellen. Stattdessen spielen wir weiter nach alten Regeln in einer neuen Welt.

Die folgende Geschichte um den “Bücherkrieg” wegen eines Urheberrechts bzw. Copyright Streits um die Abschrift eines historisch bedeutsamen Buches, bekannt als “Die Bibel”, ist eine Symbol für und Spiegelung der aktuellen Ereignisse. Diese alte Geschichte kann dabei helfen zu verstehen, warum die aktuellen Entscheidungen zur Urheberrechtsreform und Artikel 13 falsch sind. Die Geschichte um die es geht ist auch eine Geschichte über den irischen Mönch und Missionar Columban von Iona, auch Colmcille genannt. Die Geschichte ist dem Kapitel 13 “Zu guter Letzt: Der initiale Copyright-Streit” aus dem Buch “The Open Revolution” von Rufus Pollock bzw. der deutschen Übersetzung von Sascha Berger, mit dem Titel “Die Open Revolution”, entnommen: https://digitalotopia.com/2018/12/20/die-open-revolution/

Nun also endlich zur Geschichte:

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Vor fünfzehnhundert Jahren, im Irland des 6. Jahrhunderts, führte ein Streit über das Vervielfältigen eines Buches zu einer erbitterten Schlacht. Im Mittelpunkt stand ein Priester namens Colmcille, der auch bekannt ist als der heilige Columban (von Iona). Nach der Ordination im Alter von 25 Jahren begann er durch Irland zu reisen und gründete in 15 Jahren drei Dutzend Klöster. Da es an Büchern mangelte, was die Religionswissenschaft einschränkte, vervielfältigte er Manuskripte, wann immer er konnte, und ermutigte seine Mönche, dasselbe zu tun, um die Lehren der Kirche zu verbreiten.

Die Vulgata war die für Jahrhunderte maßgebliche lateinische Bibelübersetzung des Kirchenvaters Hieronymus, der von 347 bis 420 n. Chr. lebte. Die erste Kopie einer solchen Bibelübersetzung, die Irland erreichte, wurde von Rom aus von Finnian von Molville (in der Rolle des EU Abgeordneter der CDU: Axel Voss) mitgebracht. Obwohl er sein Buch so beschützte, dass anderen kein Zugang dazu gewährt wurde, war Finnian einer der Lehrer von Colmcille (in der Rolle von Julia Reda, HerrNewsTime und vielen anderen) gewesen, und er machte daher eine Ausnahme für seinen Schüler, so dass dieser die Übersetzung lesen durfte, sofern er sie nicht kopieren würde. Colmcille stimmte zu, ignorierte dennoch das Verbot und fühlte zweifellos, dass dieses Wissen zu wertvoll war, um weggeschlossen zu werden.

Er fuhr fort, das Buch nachts so schnell wie möglich abzuschreiben. Als Finnian dies eines Nachts entdeckte, verlangte er, dass Colmcille die Abschrift herausgibt. Dieser lehnte jedoch ab und glaubte, dass der heilige Text niemandem gehören könne und dass seine erste Pflicht Gott und der Kirche und nicht Finnian gegenüber bestand.

Als Diarmaid, der König von Irland, (heute Angela Merkel in seiner Rolle) gebeten wurde, darüber zu urteilen, argumentierte Colmcille, indem er sagte, dass es die Pflicht der Kirche sei, ihr Wissen durch Abschriften zu verbreiten. Er hatte damit Finnians Buch nicht geschmälert, und auf jeden Fall war es auch nur eine Abschrift und nicht das Originalmanuskript des heiligen Hieronymus. Bücher unterschieden sich in ihrer Art von materiellen Gütern.

König Diarmaid entschied sich jedoch gegen Colmcille zu urteilen: Weise Männer (Berater von McKinsey, Robert Berger, Accenture oder so) hatten die Abschrift eines Buches immer als eine Art Kind des Orginalbuches bezeichnet, sagte er, was bedeutete, dass dem Besitzer (Urheber) des Orginalbuches  auch die Abschriften gehören würden. „Das Kalb gehört zur Kuh, die Kopie zum Buch.“ Die Abschrift würde daher Finnian gehören. (Ebenso hat Angi Merkel bei der Konferenz #DigitizingEU ihre Unterstützung für #Uploadfilter damit begründet, dass analoge Regeln auch in der digitalen Welt gelten müssen. Und genau das ist damals wie heute falsch.)

Colmcille soll den König daraufhin verflucht haben (also auf Twitter gedisst) und in sein Kloster zurückgestürmt sein und bald darauf nahmen die Ereignisse eine blutige Wendung. Denn Colmcille gewährte einem geflohenen Gefangenen, der von König Diarmaid gefangen genommen worden war, Zuflucht. Der König verletzte darauf das Heiligtum des Klosters von Colmcille, indem er die Geisel dort jagen und töten ließ. Es folgte eine Schlacht, in der der Legende nach dreitausend von Diarmaids Männern, aber lediglich einer von Colmcilles Männern getötet wurden.

Dennoch war Colmcilles Sieg nur von kurzer Dauer. Er wurde von einer Synode von Glaubensgenossen exkommuniziert und dann ins Exil geschickt. So setzte Colmcille im Jahre 563, zwei Jahre nach dem „Bücherkrieg“, mit zwölf Anhängern die Segel zur Insel Iona. Er gründete dort ein neues Kloster und spielte eine wichtige Rolle bei der Verbreitung des Christentums bei den Pikten in Schottland.

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Colmcilles Verständnis, dass der Text der Vulgata nicht im üblichen Sinne ein Eigentum sein konnte, basierte natürlich auf ihrer Bedeutung für die christliche Lehre und nicht auf einem modernen Verständnis von Informationen als Grundlage für die Ökonomie, den wissenschaftlichen Fortschritt und vieles mehr. Doch seine Unterscheidung zwischen dem Besitz von physischen Besitztümern und der intrinsischen Replizierbarkeit von Informationen ist heute, eineinhalb Jahrtausende später, noch wichtiger als damals. Sein letztes, leidenschaftliches Plädoyer vor dem König brachte die wesentliche Logik von Open Information (und warum Artikel 13 und Uploadfilter scheisse sind) perfekt zum Ausdruck:

Mein Freund versucht, ein ausgedientes Gesetz auf eine neue Realität anzuwenden. Bücher unterscheiden sich jedoch von anderen Gegenständen, und das Gesetz sollte dies anerkennen. Gelehrte Männer wie wir, die durch Bücher ein neues Wissen erlangt haben, sind verpflichtet, dieses Wissen zu teilen, indem sie diese Bücher vervielfältigen und weiterverbreiten. Ich habe Finnians Buch nicht aufgebraucht, indem ich es abgeschrieben habe. Er hat immer noch das Original und dieses Original ist nicht schlechter geworden, weil ich es kopiert habe. Es hat auch nicht an Wert verloren, weil ich eine Abschrift davon angefertigt habe. Das Wissen in Büchern sollte jedem zugänglich sein, der sie lesen will und die Fähigkeiten dazu hat oder würdig ist, dies zu tun. Auch ist es falsch, dieses Wissen zu verbergen oder zu versuchen, die göttlichen Dinge, die Bücher enthalten, zu löschen. Es ist falsch zu versuchen, mich oder andere daran zu hindern, das Buch zu kopieren, es zu lesen oder mehrere Abschriften davon anzufertigen, um sie im ganzen Land zu verteilen.

Und noch mehr als Bücher unterscheiden sich eben digitale Informationen (Meme, YouTube Videos, Musik, Twitter Posts & Co.) von physischen Gegenständen bzw. Werken. Doch wir spielen weiter nach alten Regeln in einer neuen Welt. Es ist an der Zeit dies zu ändern und neue Regeln für das Informationszeitalter aufzustellen.

In der Geschichte der Menschheit hat der Austausch von Informationen, also eine Öffnung von Informationen und die Möglichkeit sie zu Teilen stets zu einem immensen Fortschritt der menschlichen Zivilisation geführt, auch wenn es manchmal verbunden war mit radikalen Umbrüchen und temporären Unruhen. Meist war die Öffnung von Informationen durch eine neue Technologie begünstigt. So war es bei der Erfindung der Sprache, der Schrift, des Buchdrucks, bei der Erfindung des Internets und so wird es auch in Zukunft wieder sein. Ein Artikel 13 darf da kein Schritt rückwärts sein.

Bei dem bisherigen Urhebergesetz und auch der aktuellen Reform wird das Konzept der Eigentumsrechte an physischen Güter nämlich auf (digitale) Informationen angewendet. Die Rede ist dann vom sogenannten „geistigen Eigentum“. Doch im Gegensatz zu physischen Dingen sind Informationen nicht rival und können beliebig vervielfältigt werden. Rivale physische Güter können nur einmal genutzt werden. Mit einem Fahrrad kann nur eine Person in die Stadt fahren und nicht gleichzeitig eine andere in den Wald. Ein Immaterialgut bzw. eine Information, wie beispielsweise eine Meme, Software oder ein Musikstück können jedoch grundsätzlich beliebig oft kopiert und gleichzeitig von unterschiedlichen Nutzern anders verwendet werden. Es bedarf daher für diese neue digitale Welt und die Informationsgesellschaft neue Spielregeln für den Umgang mit Informationen. Die alten Regeln fördern Monopolbildungen wie bei Facebook, Google und Co. Und stellen eine Gefahr für die Demokratie da. Statt Informationen mit Monopole förderndem Urheberrecht oder Patentschutz zu belegen, sollten sie offen, also “open”, zur Verfügung stehen, um sie möglichst vielen Menschen frei zugänglich zu machen, Nutzung, Wiederverwendung, Teilen und damit schließlich Fortschritt, Kreativität und Innovationen zu fördern. Notwendig sei dazu ein entsprechendes System auf dessen Basis ein Urheber einer Information für eine Verwendung oder Wiederverwendung der Informationen eine entsprechende Vergütung erhält. Open Information und Open Data Konzepte in Verbindung mit einem fortschrittlichen Vergütungsrecht – statt Monopolrechte, wie Patente oder aktuelle Urheberrechte – haben das Potential die Welt im Informationszeitalter positiv zu verändern, Monopolbildungen zu verhindern und die Weichen für eine digitale Demokratie statt einer digitalen Diktatur für Vielfalt, Kreativität und Innovation statt Angst vor legaler Einengung und Strafe richtig zu stellen.

Möge die politische Macht mit uns sein und die Vernunft beim heutigen Copyright Streit siegen!

Mehr zum Thema findet sich im Buch “The Open Revolution” von Rufus Pollock bzw. in der deutschen Übersetzung von Sascha Berger, mit dem Titel “Die Open Revolution”: https://digitalotopia.com/2018/12/20/die-open-revolution/ (Dort kann das deutsche Manuskript auch frei heruntergeladen werden!)

Ich freue mich auf ein Feedback und auf Vernetzung … hier oder auch gerne auf Twitter @SaschaBerger sowie@LinkedIn.

Grüße aus Digitalotopia.com

Sascha Berger

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